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 Wahlpflichtgegenstand Geschichte und Sozialkunde, politische Bildung und Rechtskunde

Geschichte und Sozialkunde/Politische Bildung

Anmerkung: Dieser Lehrplan trat mit Beginn des Schuljahres 2002/03 für die gesamte Oberstufe gleichzeitig (also nicht aufsteigend, wie es sonst bei Änderungen üblich ist) in Kraft.
Bis 2001/02 galt für die gesamte Oberstufe der alte Lehrplan.

 Allgemeiner Teil des Lehrplans


Bildungs- und Lehraufgabe:

  Gemäß § 6 Abs. 4 des Schulorganisationsgesetzes können mehrere
Gegenstände zu einem einzigen Gegenstand zusammengefasst werden. Der
Pflichtgegenstand Geschichte und Sozialkunde/Politische Bildung
fasst die Gegenstände Geschichte und Sozialkunde (5. und 6. Klasse)
und Geschichte und Politische Bildung (7. und 8. Klasse) zusammen.
  Im Unterricht sind die Grundstrukturen und der Strukturwandel der
Weltgeschichte und der europäischen Geschichte sowie aktuelle
Entwicklungen zu vermitteln. Dabei sind zu Geschichte, Gegenwart und
politischer Struktur Österreichs ausreichende Bezüge herzustellen.
  Die Schülerinnen und Schüler sollen ein globales
Geschichtsverständnis entwickeln, das von regionalen Bezügen bis zur
weltumspannenden Dimension reicht. Ein solches Geschichtsverständnis
bildet auch die Basis für das Verständnis gegenüber
unterschiedlichen kulturellen Werten und die wertschätzende
Beziehung zu anderen gegenwärtigen Kulturen. Der Überwindung von
Vorurteilen, Rassismen und Stereotypen ist dabei besondere Beachtung
zu schenken. Akzeptanz und gegenseitige Achtung fördert die
Identitätsbildung, die für die Entwicklung eines europäischen
Selbstverständnisses der Schülerinnen und Schüler notwendig ist.
  Die Schülerinnen und Schüler sollen befähigt werden, Sachverhalte
und Probleme in ihrer Vielschichtigkeit, ihren Ursachen und Folgen
zu erfassen und ein an den Menschenrechten orientiertes Politik- und
Demokratieverständnis zu erarbeiten. Dies verlangt eine
entsprechende Praxismöglichkeit im Lebens- und Erfahrungsbereich der
Lernenden.
  Durch den Unterricht sollen die Schülerinnen und Schüler befähigt
werden, die sozialen, kulturellen, wirtschaftlichen und politischen
Strukturen und Abläufe kritisch zu analysieren und die Zusammenhänge
zwischen Politik und Interessen sowie die Ursachen, Unterschiede und
Funktionen von Religionen und Ideologien zu erkennen. Schülerinnen
und Schüler sollen ihre gesellschaftliche Position und ihre
Interessen erkennen und über politische Probleme urteilen und
entsprechend handeln können.
  Die dafür notwendige demokratische Handlungskompetenz erfordert:
Sachkompetenz (Verstehen und politisches Wissen um institutionelle
Regeln, Entscheidungsprozesse, internationale Abhängigkeiten und
Verknüpfungen usw.),
  Methodenkompetenz (Fähigkeit der Anwendung analytischer
Instrumente und Verfahren; Recherche aus unterschiedlichen Quellen
usw.) und
  Sozialkompetenz (sensibles Gruppenverhalten, Argumentieren eigener
Positionen, Verantwortungsbewusstsein, Reflexionsfähigkeit usw.).
  Es soll Interesse an Politik und politischer Beteiligung geweckt
und die Identifikation mit grundlegenden Werten der Demokratie, der
Menschenrechte und des Rechtsstaates sichergestellt werden.
  Geschichte und Politische Bildung setzt sich mit politischen
Fragestellungen der Gegenwart auseinander, die zur Entscheidung
anstehen, auf die Einfluss genommen werden kann und die Konsequenzen
für die Zukunft haben. Themen der Politischen Bildung haben meist
eine historische Dimension, daher soll der Geschichtsunterricht
insbesondere in der 7. und 8. Klasse zum Verständnis der Gegenwart
beitragen.
  Politischer Bildung ist ein Politikbegriff zu Grunde gelegt, der
analytisch drei Dimensionen unterscheidet:
  Formale Dimension: Im Sinne von Regelungsmechanismen geht es dabei
um Verfassungsregeln, Gesetze und Rechtsnormen, politische
Institutionen.
  Inhaltliche Dimension: Umfasst im Sinne von Gestaltung politische
Sachprobleme, Programme, Ziele, Lösungen, Ergebnisse der Politik.
  Prozessuale Dimension: Bezieht sich im Sinne von Durchsetzung auf
politische Akteure, Beteiligte, Betroffene, Konflikte und Konsens,
Kampf, Machtausübung, Beschaffung von Legitimation,
Entscheidungsprozesse, Interessen und ihre Durchsetzung.

Didaktische Grundsätze:

  Die Themenbereiche sind durch exemplarische Fallstudien, Quer-
oder Längsschnitte, Gegenwartsbezüge und chronologische
Darstellungen zu behandeln.
  Bei der Bearbeitung sind regionale Aspekte zu beachten: die lokale
und regionale Ebene soll als nahe liegendes Erfahrungs- und
Erprobungsfeld herangezogen werden. Sozialkundliche,
alltagsgeschichtliche und politische Inhalte sind interdisziplinär;
sie sollen verstärkt im fächerverbindenden und fächerübergreifenden
Unterricht - unter Bezug auf das Unterrichtsprinzip Politische
Bildung - umgesetzt werden.
  Breiter Raum ist dem Dialog zu geben. Was in Wissenschaft und
Politik kontrovers ist, ist auch im Unterricht kontrovers
darzustellen. Unterschiedliche Standpunkte, verschiedene Optionen
und Alternativen sind sichtbar zu machen und zu erörtern.
Lehrerinnen und Lehrer haben den Schülerinnen und Schülern
ausreichend Platz zu lassen für gegensätzliche Meinungen, für die
auch Argumente und Materialien eingebracht werden sollen.
Unterschiedliche Ansichten und Auffassungen dürfen nicht zu
Diskreditierungen führen; kritisch abwägende Distanzen zu
persönlichen Stellungnahmen sollen möglich sein. Auf diese Weise ist
ein wichtiges Anliegen des Unterrichts, die Schülerinnen und Schüler
zu selbstständigem Urteil, zur Kritikfähigkeit und zur politischen
Mündigkeit zu führen, umzusetzen.
  Für die Organisation des Lernprozesses sind die eingesetzten
Methoden von großer Bedeutung. Sie sollen neben den
Kommunikationsformen wesentlich zu Diskussionskultur,
Dialogfähigkeit und demokratischem Engagement beitragen. Den
Zielsetzungen der Politischen Bildung entsprechend sind vielfältige
Methoden und Arbeitsweisen einzusetzen.
  Historisches und politisches Lernen soll mehr sein als eine rein
intellektuelle Aneignung von Sach- und Fachwissen: Es geht auch um
das Entwickeln eines individuellen Handlungsrepertoires für die
politische Auseinandersetzung und Meinungsbildung (Sozialkompetenz).
Lehrerinnen und Lehrer haben durch ihren Unterricht beizutragen,
dass die Schülerinnen und Schüler politisch handlungsfähig werden.
Dazu müssen diese lernen, selbst Erfahrungen zu machen, sich aktiv
betätigen zu können, um die politische Wirklichkeit bewusst handelnd
zu erschließen.
  Handlungskompetenz meint in diesem Sinne vor allem die
politikrelevante Methodenkompetenz der Schülerinnen und Schüler.
Diese Kompetenz sollen sie in einem Unterricht erwerben, der
praktisches, forschendes, problemlösendes, soziales, kommunikatives,
projektartiges und produktorientiertes Lernen umfasst.
  Für den Erwerb der notwendigen methodisch-instrumentellen
Fähigkeiten und Fertigkeiten durch die Schülerinnen und Schüler
haben die Lehrkräfte unter Einbeziehung der Informations- und
Kommunikationstechnologien entsprechende Lernmöglichkeiten und
geeignete Methoden anzubieten. Es lassen sich drei Handlungsfelder
unterscheiden:
  Reales Handeln: Erkundigungen, Expertenbefragungen,
Straßeninterviews, Projekte/Initiativen, Fall-/Sozialstudien,
Schulsprecherwahl, Schülerzeitung usw.
  Simulatives Handeln: Rollenspiele, Planspiele,
Entscheidungsspiele, Konferenzspiele, Pro- und Kontra-Debatte,
Hearing, Tribunal, Zukunftswerkstatt usw.
  Produktives Gestalten: Tabellen/Schaubilder erstellen; Flugblatt,
Plakat, Wandzeitung; Reportage, Hörspiel, Diareihe, Video;
Homepages, Referate und Berichte, Ausstellung, Fotodokumentation,
Rätsel, Quiz, Lernspiele; Arbeitsblätter erstellen usw.
  Der handlungsorientierte Unterricht ist durch jene
Unterrichtsformen und Unterrichtssequenzen zu ergänzen, in denen
neben den notwendigen Fertigkeiten auch das nötige Grund- und
Detailwissen vermittelt wird (Sachkompetenz).

Lehrstoff
(in Klammer werden beispielhafte Konkretisierungen angeführt):

5. und 6. Klasse:

Von den Anfängen der Geschichte der Menschen bis zum Ende des
Mittelalters:
1.   Typische Merkmale früher Hochkulturen
2.   Politische Organisation, gesellschaftliche Entwicklung,
     Wirtschaft und Kultur des mediterranen Raumes (Polis; res
     publica; gesellschaftliche Strukturen; Vergleich der Funktion
     antiker Städte; Imperium Romanum usw.)
3.   Formen und Modelle der politischen Beteiligung -
     Gegenüberstellung mit gegenwärtigen Demokratiemodellen
4.   Wechselwirkungen von Religion, Kultur, Staat und Politik in
     europäischen und außereuropäischen Machtzentren (Hellenismus,
     Romanisierung; Fortleben antiker Kulturleistungen; universale
     Mächte; geistiges Leben, Geschichte der Weltreligionen usw.)
5.   Expansion und Migration und deren soziokulturelle Auswirkungen
     (griechische und römische Expansionen; Völkerwanderungen;
     Zerfall des Römischen Reiches usw.)
6.   Die Entwicklung des Rechts im Spannungsfeld von Herrschaft und
     Zusammenleben (Ständegesellschaft; Verwaltungsentwicklung;
     Entwicklung der Territorialstaaten usw.)

Vom Beginn der Neuzeit bis zum Ersten Weltkrieg:
1.   Die sozioökonomischen und geistig-kulturellen Umbrüche in der
     frühen Neuzeit (Feudalkrise; konfessionelles Zeitalter,
     Humanismus und Renaissance; Entdeckungen usw.)
2.   Die soziale, politische und wirtschaftliche Dynamik in
     neuzeitlichen Staaten und Bündnissystemen (Hausmachtpolitik;
     habsburgische Reformpolitik; napoleonisches Hegemonialsystem;
     Wiener Kongress und das System der Restauration; Bündnisse bis
     1918 usw.)
3.   Herrschafts- und Staatsformen und ihre Auswirkungen
     (Absolutismus; englischer Parlamentarismus; zentralistischer
     Nationalstaat usw.)
4.   Kolonialistische und imperialistische Expansionen mit ihren
     Nachwirkungen (Frühkolonialismus; Merkantilismus;
     Kolonialismus; Imperialismus usw.)
5.   Die Ideen der Aufklärung, Menschenrechte und Bürgerliche
     Revolution sowie deren Beitrag für die Entwicklung des modernen
     Verfassungsstaates mit seinen Partizipationsformen
     (Französische Revolution; Grund- und Menschenrechte;
     Bürgerliche Revolution von 1848; Verfassungsentwicklung usw.)
6.   Gestaltende Kräfte des 19. Jahrhunderts in Gesellschaft,
     Wirtschaft und Politik und ihre Folgen bis 1918 (Nationalismus;
     Liberalismus; Konservativismus, Sozialismus; Industrielle
     Revolution; Ursachen und Folgen des Ersten Weltkrieges usw.)
7.   Instrumentalisierungen von Kultur und Ideologie in Politik und
     Gesellschaft (Geschichtsbilder und -mythen; historische
     Legitimationen; usw.)

7. und 8. Klasse:

Wesentliche Transformationsprozesse im 20. und 21. Jahrhundert und
grundlegende Strukturen der Politik:

7. Klasse:
1.   Kollektive Friedenssicherungspolitik nach 1918 und ihr
     Scheitern; Ursachen und Verlauf des Zweiten Weltkrieges
     (Friedensverträge; Völkerbund; soziale und ökonomische
     Rahmenbedingungen; usw.)
2.   Demokratische, autoritäre und totalitäre Staatensysteme und
     ihre Ideologien (Systemvergleiche; Kommunismus, Faschismus,
     Nationalsozialismus; Radikalisierung des politischen Lebens in
     Österreich 1918-1938; usw.)
3.   Nationalsozialistisches System und Holocaust (Entwicklung;
     Österreich im Dritten Reich; Widerstands- und
     Freiheitsbewegungen usw.)
4.   Das bipolare Weltsystem 1945-1990, sein Zusammenbruch und die
     Transformation des europäischen Systems (Folgen des Zweiten
     Weltkrieges, zB Verteibungen; Ost-West-Konflikt; Bündnissysteme
     und internationale Organisationen; neuer Imperialismus; Zerfall
     der Sowjetunion; Entwicklung neuer Demokratien usw.)
5.   Soziale, ökologische, politische, wirtschaftliche und
     kulturelle Ungleichheiten und die Entwicklung von nachhaltigen
     Lösungsstrategien (Befreiungs- und Unabhängigkeitsbewegungen
     als Reaktion auf Kolonialismus und Imperialismus;
     Nord-Süd-Konflikt; Entwicklungshilfepolitik; das
     österreichische Sozial- und Wirtschaftssystem im
     internationalen Vergleich usw.)
6.   Die Entwicklung der unterschiedlichen Wirtschaftssysteme,
     Integrations- und Zerfallsprozesse (Zerfall der
     Habsburgermonarchie; Krisen der Zwischenkriegszeit;
     Wirtschaftssysteme nach 1945 usw.)
7.   Emanzipatorische, soziale Bewegungen und Gegenströmungen nach
     1945 (Frauen-, Jugend- und Studentenbewegungen;
     Demokratisierungswellen; Friedens- und Anti-Atom-Bewegung;
     Neokonservativismus, Neoliberalismus usw.)
8.   Politisches Alltagsverständnis - die verschiedenen Dimensionen
     und Ebenen von Politik, Formen und Grundwerte der Demokratie
     und der Menschenrechte, Motivationen und Möglichkeiten
     politischer Beteiligungs-, Entscheidungs- und
     Konfliktlösungsprozesse

8. Klasse:
1.   Österreich als Teil der europäischen und globalen Entwicklung
     im 20. und 21. Jahrhundert (Großmacht-, Kleinstaatorientierung
     nach 1918; Geschichte seit 1945; politische und wirtschaftliche
     Integration; internationale Politik usw.)
2.   Das politische und rechtliche System Österreichs und der
     Europäischen Union sowie politische Systeme im internationalen
     Vergleich (Grundzüge von Verfassung, politischem System,
     Verwaltung und Rechtssprechung; Sozialpartnerschaft; Umfassende
     Landesverteidigung; Europäische Union; Europarat;
     Demokratiemodelle usw.)
3.   Europäische Integrationsbestrebungen und
     Globalisierungsprozesse - Chancen und Konfliktpotenziale
     (Demokratiegewinn, Demokratieverlust; globale Akteure;
     Regionalisierung usw.)
4.   Rolle der Medien zwischen Politik, Wirtschaft, Kultur und
     Gesellschaft (Medienpolitik, Medienstrukturen; Neue Medien;
     Cyberdemokratie usw.)
5.   Akteure der internationalen Politik, zentrale Konfliktfelder
     und neue Formen von Sicherheitskonzepten und -strukturen
     (Vereinte Nationen, Militär- und Wirtschaftsbündnisse;
     Weltwirtschaftsorganisationen; OSZE; aktuelle Konflikte; Formen
     nationaler und internationaler Friedens- und Sicherheitspolitik
     usw.)

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